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KRITIKEN:
DER TAGESSPIEGEL
31.3.2003
Poetische Playstation
OPER
Wagners "Parsifal" kann fünf Stunden dauern. Dabei geht´s auch in 90 Minuten. Für Kinderohren zudem besser geeignet: mit Kammerorchester, schönen Melodien und einer witzigen Handlung."Elster und Parzival", im Foyer der Deutschen Oper uraufgeführt, wurde von seiner bekanntlich anspruchsvollen Zielgruppe begeistert aufgenommen. Parzival ist ein Junge von heute, der seine Tage mit Computerspielen vertrödelt. Besonders traurig ist darüber seine Freundin, der Parzival als clowneske Elster wiederbegegnet hinter der Mattscheibe, in einem verrückten Computertraum. Darin muss Parzival mit einem Drachen kämpfen, trifft auf einen schwarzen Ritter, den finsteren Zauberer, den kranken König. Und er muss der erdrückenden Liebe einer Frau namens Cundrie standhalten, die seine Mutter sein könnte.
Libretto, Bühnenbild und Regie besorgte Paul Flieder. Mit einfachen Mitteln erzählt er die Geschichte einer Suche nach Sinn jenseits der Playstation. Parzival erfährt, dass es keine klare Frontlinie zwischen Gut und Böse gibt. Titeltrotzkopf Yosep Kang gibt einen metallisch-höhensicheren Helden. Als lebenskluge Elster berückt die Sopranistin Raquela Sheeran mit schillerndem Vokalgefieder. Auch insgesamt ein gutes Sängerensemble, aber der Wiener Paul Hertel hat eben dankbare Partien geschrieben. Seine Musik umarmt "E" und "U", ist vielschichtig, ohne auseinanderzufallen. Sogar Zitate haben Platz neben ruppig-atonalem Zickzack. Und immer wieder blühen herzhafte Kantilenen auf.
Jens Hinrichsen
BERLINER ZEITUNG
31. 3. 2003
Beam dich zum Gral
Die Deutsche Oper bringt ein Stück für Jugendliche heraus
Peter Uehling
Jugendlicher Freak hockt vorm Screen, vernichtet Feinde und eigene Zeit. Mutter nervt, Tussi nervt. Kopfschmerz entsteht vom Flimmern, man sollte, könnte, müsste - da war doch was, nannte sich Leben. Eine sprechende Elster, seltsam, seltsam, kommt vorbei und versetzt ihn in ein Märchenland mit schwarzen Rittern, guten und bösen Königen, einer hohen Frau, die sich in ihn verliebt. Alle texten ihn mit Rätselsprüchen zu. Aber unser Freak macht sich. Scannt aus dem Gelaber eine Gebrauchsanweisung für dieses kranke Personal, rafft sogar, was "Gral" bedeutet, und kommt als Held groß raus, na bitte.
"Elster und Parzival" heißt das neue KinderMusikTheater der Deutschen Oper Berlin. Paul Flieder aus Wien hat es geschrieben, Paul Hertel, ebenfalls ein Wiener, hat es komponiert, am Sonnabend wurde es uraufgeführt. Dieses Stück ist kein kindgerecht biederes Näher-bring-Theater. In ihm erscheint die Kunst nicht als "das Andere" zur Welt der Eltern und Schaukelpferde. Alles ist Medium, alles ist Ästhetik, mehr oder weniger. Der zunächst namenlose Junge, der dann im Märchenland Parzival genannt wird, kommt aus der Welt der CD-ROMs und findet sich am Ende mit einem Buch wieder, dem des Wolfram von Eschenbach. (So richtig freut es ihn nicht, Lesen, ey auch noch diese Dinosaurier-Sprache, forget it.)
Dass da jemand in der Endlosschleife medialer Vermittlung gefangen ist, macht das Stück ziemlich bedrückend. Man begreift auch den Aufschwung des Helden gar nicht so recht. Woher die Initiative, die Frage an den kranken Amfortas, der Kampfgeist gegen den Schwarzen Ritter? Dann: Diese Unmenge von Figuren, die da in 90 Minuten aufgeboten wird und kaum Zeit hat sich zu erklären, stellt auch das Verständnis erfahrener Zapper auf die Probe. Die daraus folgende Auflösung motivierten Verhaltens und kausaler Linearität wirkt künstlerisch konsequent angesichts der www-mäßigen Zugriffsmöglichkeit auf unterschiedliche Stimmungen, mit der die Hauptfigur ihr Sensorium sonst bedient. In ihrer Ausweglosigkeit wirkt diese Konsequenz eisekalt, wie auch die Musik, die sich nicht undifferenziert, aber doch mit der groben Raffinesse rhythmischem Schlagzeugs an die hypernervösen Kindlein heranmacht.
Musikalisch ist das alles vortrefflich gemacht, Kevin McCutcheon hat sehr präzise dirigiert und die jungen Yosep Kang als Parzival und Raquela Sheeran als Elster singen wahrhaft viel versprechend.
BZ
31.03.03
Parzival als Computerfreak
"Man müsste mal was Großes tun, dass alle kippen aus den Schuh'n" - denkt sich Parzival (Yosep Kang), pubertierender, computersüchtiger Held der Kinderoper "Elster und Parzival" im Foyer der Deutschen Oper. Das kann er haben! Aus dem übermannshohen Computer-Monitor tritt ein Drache: Schwerer Ausnahmefehler! Und damit fangen die Abenteuer an, denn auf Parzival kommt eine "megakomplizierte" Reise zu, die ihn zum Schwarzen Ritter führt (Peter Claveness mit sonorem Bass). Gut, dass er von Elster (extrem kinderlieb: Raquela Sheeran) durch die Gralswelt geleitet wird. Das Libretto textete Regisseur Paul Flieder in Jugend-Sprechweise, Paul Hertel steuerte die Musik bei: Moderate Moderne für die Kampfszenen, Musical-Melodien für Elster und das Happy-Finale. Ein anregender Nachmittag für Groß und Klein.
niko
Österreichische Musikzeitschrift Ausgabe 11-12/2006
Hertel:"Elster&Parzival', Berlin
Die Kinder staunen. Eine gefiederte Vogelfrau hüpft singend durch die Reihen. Schwerter blitzen, Nebel wallt, Rotlicht flackert. Die Videokulisse führt durch Märchenwälder und Wüsten. Es gibt viel zu erleben in Paul Hertels Kinderoper Elster und Parzival. Sie hält das Interesse der Kleinen im Foyer der Deutschen Oper Berlin hellwach.
Das alte Parzival-Epos von Wolfram von Eschenbach ist im Cyberspace-Zeitalter angekommen. Ein Junge kann sich nicht trennen von seinem Computerspiel. Er verliert den Kontakt zur Realität - und verschwindet schließlich im Bildschirm. Als Gralsritter hat er nun zahlreiche Prüfungen zu bestehen. Yosep Kang verkörpert mit seiner wendigen Tenorstimme den Jungen, der auf der Suche nach sich selbst lernt, Mut, Mitleid, Herzensgüte zu entwickeln und sich im wirklichen Leben zurecht zu finden. Tina Scherer gibt die Begleiterin, die ihm mit ihrem seelenvollen, lyrischen Sopran ins Gewissen singt.
So abwechslungsreich wie die Inszenierung ist auch die Musik des Wiener Komponisten Paul Hertel der sich vor allem mit Film- und Bühnenmusiken einen Namen gemacht hat. Sie präsentiert sich vielfarbig zwischen atonaler Klangmalerei, historisierender Herzschmerzarie, rockigen Rhythmen, Ritter-Rap, Anklängen an Strawinsky. An der Deutschen Oper Berlin hat vor dreieinhalb Jahren die Uraufführung in Koproduktion mit dem Kinderklang-Festival Wien stattgefunden. Hertel und sein Librettist Paul Flieder haben in diesem Jahr eine verdichtete Neufasssung vorgelegt. Die Berliner Kinder hat sie überzeugt.
M. H.
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