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DIE KAISERIN Oper Ort und Zeit: Schloss Bouchout, Belgien, 1927 Personen: Charlotte, Kaiserin von Mexiko (Sopran) Doktor Armas, Psychiater (Bariton) Die Pflegerin (Mezzosopran) Das junge Mädchen (Sopran) Der Geschichtenerzähler/Ein älterer Herr (Bass) Ein junger Mann (Tenor) Kammerorchester |
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| CHARLOTTE EINE IDEE Besucht man Miramare zum ersten Mal ist man fast geblendet von der weißen einfachen Schönheit, der herrlichen Lage, der tiefen Ruhe des Parks und der Art wie man senkrecht hinunter schaut auf die Felsen und das tiefe Meer. Einmal habe ich mir dort an der Grenze zwischen Bauwerk und Natur ein Wasserungeheuer ausgedacht, das ums Schloss herumschwimmt, aber das war nach Charlotte... Charlotte kam mir eigentlich sofort, beim ersten Blick auf Miramare, sie ist mir in der düsteren Pracht ihres Boudoirs über den Weg gelaufen, wo aus Lautsprechern leises Klavierspiel tropft und ein überdimensionales Bild der Hausherrin in lombardischer Tracht stolz auf einen herunterblickt. Dann ist sie Hand in Hand mit mir durch die Prunkgemächer geschlichen, wo man immer das Gefühl hat sich zu laut zu bewegen unter den strengen Blicken der Ahnenporträts an den Wänden. Charlotte traf ich auch im Park an allen Ecken, unter den Laubengängen, am Schlossplatz und beim stillen Lotussee. Charlotte und die Melancholie überall und ein Gefühl verstaubter, alter Schwermut, ein Geruch so süßlich wie Friedhofsblumen oder die Leichen in den Gräbern selbst. Ein modriges Relikt dem man, so viel man auch kehrt und putzt, die Spinnweben nie ganz austreibt... Ein Opernstoff natürlich, die geheimnisvolle Kaiserin, ihr unerklärlicher Wahnsinn und ein Kaiser, dessen Tod voller Rätsel ist. Ein immer noch zu wenig entdeckter Bühnenstoff. Die Werke, die es gibt, behandeln großteils Maximilian und wenn Charlotte, dann ein wenig mythifiziert und artifiziell, als gäbe es die reale alte, psychisch kranke Frau nicht, sondern nur die junge schöne und sehr stolze Kaiserin. Was mich interessiert hat, und was sich mit dem Interesse des jungen Mädchens deckt, ist das was dahinter steht, und was die Geschichte uns Menschen von heute erzählen kann, wenn wir ihr in unserer Phantasie einen Platz geben. Wie viel in der Realität hängt davon ab, von welcher Perspektive aus man sie betrachtet und was ist das überhaupt, Realität? „Welche Wahrheit ist die rechte, gibt es denn nur einen Weg?“ fragt das junge Mädchen. Die Kaiserin ist schlussendlich das, was wir in ihr sehen, mit unseren Augen aus unserer eigenen Geschichte heraus, unsere Phantasie macht sie erst lebendig. Daraus also eine Oper, keine Grand Opera, sondern ein dichtes Kammerspiel, beengend realistisch, manchmal skurill und immer Brücken bauend zwischen Menschen, Situationen und ganzen Welten. Ein Spiel, Theater im Theater, das alles behauptet und nichts verrät als das was wir erraten wollen... (Claudia Toman) |
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Wie im Märchen... Es lebte einmal, vor vielen, vielen Jahren auf einem belgischen Schloss eine Prinzessin. Sie war schön und fleißig, der ganze Stolz ihres Vaters, des Königs. Von all den vielen Bewerbern um ihre Hand, die aus ganz Europa kamen weil sie von ihrer Schönheit gehört hatten, wählte die Prinzessin nicht den reichsten, den mächtigsten oder den weisesten, sondern denjenigen, der ihr Herz gewann, ein hübscher, charismatischer, junger Erzherzog, der ihr ein weißes Traumschloss am Meer baute wo sie glücklich und zufrieden lebten. Miramare So könnte ein Märchen beginnen, aber eben nur ein Märchen, die Wirklichkeit sieht meistens anders aus. Im wahren Leben ist die Prinzessin nicht nur schön und fleißig, sondern ehrgeizig, hart und verbissen, ohne Mutter aufgewachsen und vom Vater wie ein Sohn erzogen, streng und kritisch, kühl und immer überlegen. Ihr Märchenprinz dagegen hat zwar Charme und gutes Aussehen, doch keinen Thron, keine Aussicht auf Größe und Macht, ein ewiger Zweiter mit einem weichen, weiblich-unentschlossenem Herz. Maria Charlotte Amelie von Belgien und Ferdinand Maximilian von Habsburg waren wie geschaffen fürs Märchen und doch gehört ihr Schicksal zu den tragischsten Episoden der Weltgeschichte. Als ein lebender Toter und eine tote Lebende treten sie der Nachwelt entgegen und wo scheinbar alles erzählt ist, stößt man auf Geheimnisse, die wohl nie ganz gelöst werden können. Maximilian Doch von vorne: 1832 wurde Erzherzog Ferdinand Maximilian als zweiter Sohn von Erzherzog Franz Karl und Erzherzogin Sophie in Wien geboren. Sein älterer Bruder Franz Joseph wurde zum künftigen Kaiser erzogen obwohl ihn schon der junge Max an Charme und Beliebtheit übertraf. Nichts desto Trotz wurde Franz Joseph nach der Revolution 1848 Österreichs Kaiser, seinen Bruder fürchtete er und wollte ihn weit entfernt von Wien sehen. Einerseits mochte er den vom Volk geliebten Max nicht als Thronfolger haben, andererseits gab es noch weit bedeutsamere Gründe den jungen Erzherzog nicht an zuviel Macht kommen zu lassen. Immerhin bestand die Möglichkeit dass das bedrohliche Blut Napoleon Bonapartes in seinen Adern floss. Napoleons Sohn, der Herzog von Reichstadt, hatte im Exil in Schönbrunn gelebt und eine innige Beziehung zur Erzherzogin Sophie gehabt, ehe er kurz nach Maximilians Geburt angeblich an Lungenschwindsucht starb. Das erste Fragezeichen, das erste Geheimnis, gab es doch für Europas Fürstenhäuser genug Gründe alle möglichen legitimen Erben Napoleons und deren Herrschaftsansprüche zu fürchten. Reichstadt Maximilian, der immer schon eine Vorliebe für die Seefahrt und das Reisen hatte, wird schließlich Fregattenleutnant in der k.u.k. Kriegsmarine. Auf einer Reise lernt er die belgische Prinzessin Charlotte kennen, nachdem seine erste große Liebe, eine portugiesische Prinzessin, jung gestorben war, und nach einigen Verhandlungen hält er um Charlottes Hand an, eine politische Vernunftehe für ihn, und tritt seinen neuen, ihm von Franz Joseph zugebilligten Posten als Generalgouverneur von Lombardo-Venetien an. Die Hochzeit findet am 27.Juli 1857 statt, des Paar residiert in Monza, da das von Maximilian geplante Märchenschloss Miramare in Triest sich noch in Bau befindet. Charlotte Charlotte von Belgien war die einzige Tochter von König Leopold I von Belgien aus dem Geschlecht der Sachsen-Coburg-Gotha und Louise von Frankreich, die früh verstarb. Unter ihren zwei älteren Brüdern wuchs Charlotte in einer Männerwelt auf, sie musste früh erwachsen werden, den Haushalt führen und entwickelte sich zu einer ernsthaften jungen Dame mit dem brennenden Ehrgeiz ihres Vaters. In Maximilian sah sie die Lösung und sie erträumte sich für ihn einen Thron, denn sie war sich sicher sie beide waren zu etwas Höherem bestimmt als zu einem friedlichen Leben in Italien. Ihr Mann, für den sie schwärmte, sollte, musste ein großer bedeutender Herrscher werden. Als Maximilian jedoch nur zwei Jahre nach Antritt seines Amtes als Generalgouverneur von Franz Joseph enthoben wird sieht sich das junge Paar genau damit konfrontiert: Einem zwar angenehmen aber untätigen Leben auf Schloss Miramare. Maximilian widmete sich dort der Zucht exotischer Pflanzen und der Einrichtung getrennter Betten und Charlotte der zunehmenden Verbitterung in ihrem Herzen. Gerade in diese Phase des Wartens platzen die Pläne einiger reicher mexikanischer Emigranten, die in Europa Unterstützung suchen für ihr Projekt in Mexiko, das nach der Revolution eine heruntergekommene Republik unter Präsident Juarez ist, eine Monarchie mit einem europäischen Herrscher einzurichten gegen den Willen der Mehrheit des mexikanischen Volkes. Unterstützung finden sie bei Frankreichs Kaiser Napoleon III, der Geld, Militär und gleich auch einen idealen Kaiser parat hat: Maximilian. Dieser ist zwar unsicher, doch von Napoleon III, dessen Frau Eugenie, seinem eigenen Bruder Franz Joseph und natürlich Charlotte bearbeitet sagt er schließlich zu und nimmt die Krone Mexikos an. Interessant ist hier die große Frage nach den Motiven derjenigen, die Maximilian so kräftig überredeten. Charlottes Ehrgeiz war angesprochen bei der Aussicht Kaiserin zu werden, außerdem mag sie den Gerüchten geglaubt haben und Max’ angebliches Bonaparte-Blut als unverwüstlich betrachtet haben. Franz Joseph wollte den Bruder weit weg wissen und ihm die Thronfolge in Österreich für immer verwehren, weshalb er ihn nötigte einen „Familienvertrag“ zu unterschreiben, der regelte dass bei einer eventuellen Rückkehr nach Europa Maximilian keines seiner ererbten Rechte mehr hätte. Und Napoleon III? Möglich ist dass er tatsächlich an einen Sieg der Monarchie in Mexiko glaubte und Frankreichs Position am neuen Kontinent stärken wollte, möglich ist aber auch dass er von der Vermutung gehört hatte Maximilian sei Napoleons Enkel und hätte damit rechtmäßigere Ansprüche auf Frankreichs Thron als der Neffe Napoleon III... Napoleon III Am 14.April 1864 verlassen Maximilian und Charlotte Schloss Miramare an Bord der S.M.S. „Novara“ nach Mexiko, wo anfänglich scheinbare Erfolge erzielt werden, vor allem von Charlotte, die der bessere Kaiser zu sein scheint. Die entmachteten Juaristen gewinnen jedoch mehr und mehr Macht zurück und zwei Jahre nach Beginn des mexikanischen Abenteuers zieht Napoleon III die französischen Truppen aus Mexiko zurück und verlangt die Zahlung horrender Schulden Mexikos an Frankreich. Als Maximilian abdanken will hindert ihn Charlotte daran und reist selbst nach Europa um Hilfe für Mexiko zu erbitten. Sowohl am Hofe Napoleons III als auch in Rom beim Papst wird Charlotte abgewiesen, sie beginnt unter Verfolgungswahn zu leiden und nimmt an Napoleon III und seine Helfer wollen sie umbringen, weshalb sie nur noch aus Brunnen trinkt und kaum mehr etwas Essbares zu sich nimmt und sich weigert die Sicherheit des Vatikans zu verlassen bis ihr Bruder sie schließlich nach Miramare zurückbringt, wo sie für geisteskrank erklärt wird. 1867 wird sie nach Belgien heimgeholt wo sie bis 1927, zuletzt im Schloss Bouchout in geistiger Umnachtung die Habsburger und die Bonapartes überlebte bis sie im hohen Alter von 87 an Lungenkrankheit starb. Bis zuletzt glaubte sie dass Maximilian am Leben sei. Maximilians letzte Streitmacht hatte sich zu guter Letzt im Ort Querétano verschanzt, wo er schließlich gefangengenommen und gemeinsam mit seinen treuen Generälen Miramon und Mejia zum Tode verurteilt wurde. Die Erschießung fand am 19.Juni 1867 auf dem Cerro de las Campanas, einem Hügel vor Querétano, statt, doch bis heute sind die Geheimnisse, die sich um diese Erschießung ranken nicht geklärt, zu viele Unklarheiten und scheinbare Zufälle gibt es, mit denen sich kürzlich ein Forscher aus San Salvador namens Rolando Deneke beschäftigt hat... Gemälde von Manet WURDE MAXIMILIAN WIRKLICH ERSCHOSSEN? „Der Standard“ 24./25.März 2001 S.8: |
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